Vorwort zum unserem im Druck
befindlichen Kalender 2003

Der „Dritte-Welt-Kreis Panama e.V.“, der Herausgeber dieses Kalenders, hat sich – das darf man wohl sagen – weit über die Städte Herdecke, Wetter und Hagen hinaus einen Namen gemacht. Unter tätiger Mithilfe Tausender, darunter vieler Schülerinnen und Schüler, packt der Verein Jahr für Jahr ganz unbürokratisch und ohne nennenswerte Verwaltungskosten kleine, aber vor Ort lebenswichtige Hilfs- und Entwicklungsprojekte an: Trinkwasserleitungen, Bewässerungsanlagen, Schulen, Schüler/innenheime, Brücken, Verbesserung der Infrastruktur in entlegenen Dörfern ...

Es wäre jedoch unzutreffend – und das möchte dieser Kalender deutlich machen -, die Philosophie des Panamakreises auf das rein Karitative zu reduzieren. Anderen zu helfen, als Privilegierter diejenigen Menschen, die von der Natur, der Gesellschaft oder der globalen historischen Entwicklung benachteiligt werden, am eigenen Reichtum partizipieren zu lassen, sollte nicht als einseitiges Geben missverstanden werden. Auch die Empfänger von materieller Hilfe haben uns etwas zu geben. Hilfe kann auch als Austausch begriffen und betrieben werden. Die Beschäftigung mit Ursachen und Erscheinungsformen der Hilfsbedürftigkeit, der Kontakt mit den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, das daraus resultierende tiefere Verständnis ihrer Lage bereichert unsere Kenntnisse, kann unsere Empathie steigern und so – vielleicht – zu mehr Mitmenschlichkeit führen, unzweifelhaft ein Gewinn für die Gesellschaften der „Geberländer“.

Hilfe bedeutet Austausch – das ist auch das Leitmotiv dieses Kalenders, der Geschichten, ein Gedicht, Erzählungen und Mythen aus Panama und Deutschland enthält sowie Bilder von Jugendlichen aus dem jeweils anderen Land zu diesen Texten. Ob panameische oder deutsche Jugendliche – indem sie sich mit den Texten eines fremden Landes beschäftigt haben, haben sie malend das Fremde der jeweils anderen Kultur erfahren und versucht, mit ihm vertraut zu werden. Auf diese Weise zeigt der Kalender in bescheidenem Maßstab, aber hoffentlich trotzdem beispielhaft, wie Austausch, z. B. kultureller Austausch, über den karitativen Aspekt hinaus Hilfe womöglich zu stabilisieren und zu vertiefen vermag. Wenn der Kalender Sie so zur Fortsetzung ihrer Unterstützung unserer Arbeit animiert, dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Der "Dritte-Welt-Kreis Panama e.V." dankt den Autoren und folgenden Verlagen für die Druckerlaubnis:
Econ | Ullstein | List (Wolfdietrich Schnurre "Beste Geschichte meines Lebens" aus "Der Schattenfotograf" 1994), Beltz & Gelberg (Janosch, "Oh wie schön ist Panama" 1978), Insel (M.L. Kaschnitz, "Das letzte Buch" aus "Steht noch dahin"), Kiepenheuer & Witsch (H. Böll, "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" aus "Erzählungen" 1994)

Ein Klick auf das Bild vergrößert es.


Vanessa González ("Internado
Aschira", Las Palmas Veraguas)
 "Oh, wie schön ist Panama"

Katrina Brandl (Realschule Wetter)
"Die Geschichte von der Bagará"
(Mythos der indigenen embará)

Lisa Häger (H.-Heine-Realschule
Hagen) M. M. Alba C.
"Der schwarze Sackbrassen"

Willi Boos (Hauptschule Herdecke)
"Ich habe den Flaschengeist gebeten"
(Claudio Castro S.)

Hugo Samaniego (Fé y Alegría,
 El Ingenio, Panama)
"Der Verkäufer und der Elch"
(Franz Hohler)

Marie Homann (Geschwister-Scholl-
Gymnasium, Wetter)
"Die Schlange"

Alberto Oriel Valdés Morales
(Escuela Santa Cruz, Panama)
"Die beste Geschichte meines Lebens"
(W.-D. Schnurre)

Nilka Edilma Caballero
"Meine Stadt" (Josef Reding)

Joel Guerrero (Fé y Alegría-El
Ingenio, Ciudad de Panamá)
"Anekdote zur Senkung der
Arbeitsmoral" (Heinrich Böll)

Ricky Magduschewski & Eva Schölling
(Friedrich-Harkot-Schule, Herdecke)
"Schnecke" (Jaramillo Levi)

María Alejandra Espinoza
(Colegio María Inmaculada,
Ciudad de Panamá)
"Das letzte Buch" (Marie Luise Kaschnitz)

Vivienne ZImmermann
(F.L. von Erthal-Gymnasium, Lohr / M)
"Die Wahrheit"
 

Ich habe den Flaschengeist gebeten (Claudio de Castro)

Dieser Geist muss verrückt sein, sagte ich mir eines Tages. Wenn ich ihn um etwas bitte, macht er genau das Gegenteil.
Ich war seine Unverschämtheiten leid und beschloss, mich von ihm zu trennen. Ich wusste, dass es nicht leicht sein würde und habe deshalb genau überlegt, was ich tun müsste.
Um Missverständnisse zu vermeiden, würde ich ihm einen direkten Befehl geben, der leicht auszuführen war.
Ich nahm die alte Flasche, aus der er gekommen war, wies mit meinem Zeigefinger auf den Flaschenhals und befahl: "Geh hier herein".
Und er ging in den Finger.
Seitdem leide ich an einer Entzündung unter dem Fingernagel, die mich Tag und Nacht quält.